„Das größte Problem in der Kommunikation ist die Illusion, dass sie stattgefunden hat.“
— George Bernard Shaw
Du kennst diesen Moment. Das Meeting war lang, alle haben gesprochen, niemand hat etwas geklärt. Auf dem Flur dann ein Seitenblick, ein Schulterzucken, ein halblauter Satz: „War ja wieder typisch.“
In den meisten Teams wird genug gesprochen – was dabei häufig fehlt, ist Klarheit. Und Klarheit, das habe ich in dreißig Jahren Berufserfahrung gelernt, ist keine Frage der richtigen Worte. Sie ist eine Frage der inneren Haltung.
In dieser Zeit habe ich erlebt, wie fein Führung wirkt. Eine Rückmeldung, sachlich gemeint, konnte Zweifel auslösen. Eine zögerliche Entscheidung verunsicherte ein ganzes Team. Spannungen äußerten sich meist subtil. Die Atmosphäre veränderte sich, Vertrauen wurde vorsichtiger, Motivation verschob sich. Am Ende zeigten sich diese Dynamiken auch in der wirtschaftlichen Entwicklung.

Was Unklarheit im Team wirklich anrichtet
Der Psychologe David Rock zeigt in seinem SCARF-Modell, dass Menschen in sozialen Situationen fünf Grundbedürfnisse haben: Status, Gewissheit (Certainty), Autonomie, Verbundenheit (Relatedness) und Fairness. Fehlende Führungsklarheit trifft mehrere dieser Bedürfnisse gleichzeitig – sie erzeugt Unsicherheit, gefährdet das Fairnessempfinden und schwächt das Vertrauen in die Beziehung zur Führungsperson.
Gleichzeitig beschreibt der Confirmation Bias aus der Kognitionspsychologie, wie Menschen dazu neigen, fehlende Informationen mit eigenen Deutungen zu füllen – und diese Deutungen orientieren sich an dem, was in der Vergangenheit schon einmal schief gelaufen ist. Schweigen in der Führung wird selten als Ruhe wahrgenommen, sondern als Signal.
Ich habe das in meiner eigenen Führungszeit erlebt. Eine Mitarbeiterin kam regelmäßig zu spät. Fachlich war sie stark, das Team schätzte sie. Ich habe das über Wochen ignoriert – aus der Überzeugung, keine unnötige Unruhe ins Team zu bringen. Was ich dabei nicht gesehen habe: Die anderen haben sehr wohl bemerkt, dass hier andere Maßstäbe galten. Die Stimmung veränderte sich, Vertrauen wurde vorsichtiger. Die Energie im Team verschob sich – und das nicht wegen der Verspätung, sondern wegen meines Schweigens.
Fehlende Klarheit schützt niemanden, sie verschiebt das Problem und vergrößert es dabei.
Die Illusion der schonenden Führung
Viele Führungskräfte, die ich begleite, vermeiden Klartext aus einem tief verwurzelten Wunsch nach Harmonie. Wer Verantwortung für Menschen trägt, will diese Menschen nicht verunsichern. Besonders in Zeiten von Fachkräftemangel entsteht schnell das Gefühl, man müsse vorsichtig sein, um niemanden zu verlieren.
Der Psychologe John Gottman hat in seiner Forschung zur Beziehungsdynamik gezeigt, dass nicht Konflikte Beziehungen zerstören, sondern die Art, wie mit ihnen umgegangen wird – oder eben nicht. Langfristige Vermeidung führt zu einer stillen emotionalen Distanz, die sich über Monate aufbaut und kaum noch reparierbar ist. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob es Spannungen gibt, sondern ob eine Führungskultur existiert, in der sie offen angesprochen werden können.
Ich kenne das innere Ringen aus eigener Erfahrung. Ich habe in Gesprächen gesessen und gedacht: Wenn ich das jetzt so direkt formuliere, verliere ich sie vielleicht. Ich habe Klarheit zurückgenommen, Worte abgemildert, Erwartungen angedeutet statt ausgesprochen. Mit der Zeit habe ich verstanden, dass dieses Zögern seinen eigenen Preis hat – und dass ein klares, wertschätzendes Gespräch fast immer weniger Schaden anrichtet als das Schweigen davor.

Haltung entscheidet – auch beim Klartext
Martin Permantier beschreibt in Haltung entscheidet, dass es nicht primär darum geht, was wir tun – sondern aus welcher inneren Haltung heraus wir es tun. Diese Haltung bestimmt, wie wir führen, wie wir kommunizieren und wie wir Verantwortung erleben.
Für das Thema Klartext sind zwei Haltungen aus seinem Modell besonders bedeutsam.
Die relativierend-individualistische Haltung ist geprägt von einem tiefen Bewusstsein für Werte und die innere Vielheit des Menschen. Führungskräfte, die aus dieser Haltung heraus agieren, erkennen, dass Menschen unterschiedliche Bedürfnisse, Perspektiven und Erfahrungen mitbringen. Sie arbeiten stärkenorientiert und agil. Klartext wird dabei nicht als Durchsetzung verstanden, sondern als wertschätzende Geste – als Zeichen, dass dem anderen zugetraut wird, mit der Wahrheit umzugehen.
Die systemisch-autonome Haltung ist geprägt von einer Metaperspektive – der Fähigkeit, sich selbst und das System, in dem man agiert, von außen zu betrachten. Führungskräfte mit dieser Haltung führen über Sinn. Sie kommunizieren kokreativ, auf Augenhöhe, und fragen sich in schwierigen Momenten nicht „Wie setze ich mich durch?“, sondern „Wie kann ich uns unterstützen?“ Klarheit entsteht hier aus innerer Ruhe.
Dabei gilt – und das ist ein zentraler Gedanke bei Permantier – es gibt keine richtige oder falsche Haltung. Jede Haltung hat ihre Berechtigung. Entscheidend ist, ob sie zur Situation passt. Eine Führungskraft, die das erkennt und ihre Haltung bewusst anpassen kann, gewinnt eine Flexibilität, die weit über jede Kommunikationstechnik hinausgeht.
Werte als Fundament
Wertgerechte Führung, so wie ich sie verstehe und praktiziere, geht über Klartext hinaus. Sie fragt, aus welchem inneren Grund jemand führt. Was ihn antreibt. Was er bereit ist, zu verantworten.
Werte zeigen sich im Verhalten – in schwierigen Gesprächen, in Entscheidungen unter Druck, in Momenten, in denen niemand zuschaut. Wertschätzung bedeutet in diesem Verständnis, das Gegenüber ernst zu nehmen, auch dann, wenn das ein unbequemes Gespräch erfordert – eine Führungskraft, die Fehler ignoriert, um niemanden zu belasten, nimmt dem anderen die Möglichkeit zu wachsen. Verantwortung beginnt dort, wo ich tatsächlich Einfluss habe: die Unterscheidung zwischen dem, was in meiner Macht steht, und dem, was außerhalb davon liegt. Augenhöhe bedeutet, Klarheit mit Respekt zu verbinden – Rollen bewusst zu leben, ohne sie als Machtmittel einzusetzen. Teams, in denen Augenhöhe gelebt wird, tragen schwierige Gespräche gemeinsam und werden dadurch gestärkt.
Vertrauen entsteht dort, wo Werte nicht nur benannt, sondern täglich eingelöst werden. Und Vertrauen ist die Grundlage, auf der echte Zusammenarbeit möglich wird.
Fünf Impulse für mehr Klarheit im Führungsalltag
Diese Impulse entstammen echten Begleitprozessen – aus Momenten, in denen Führungskräfte gemerkt haben, dass ihr Schweigen teurer war als ihr Klartext.
01 · Sag, was du meinst – auch wenn es unbequem ist.
Das Gespräch, das du vermeidest, findet trotzdem statt – nur ohne dich. In Flurggesprächen, in Blicken, in der Stimmung des Teams. Die Frage ist deshalb, ob du aktiv den Raum dafür schaffst.
02 · Sprich Erwartungen aus, bevor Unmut entsteht.
Die meisten Konflikte im Team entstehen durch unterschiedliche Annahmen darüber, was selbstverständlich ist. Was für dich offensichtlich ist, ist es für andere häufig nicht. Erwartungen frühzeitig auszusprechen ist ein Akt des Respekts – gegenüber dem Team und gegenüber dir selbst.
03 · Verwende Ich-Botschaften.
„Ich erlebe das so“, beschreibt eine Wahrnehmung und lädt zum Gespräch ein. Es signalisiert die Bereitschaft, die eigene Perspektive als eine unter mehreren zu verstehen – und das verändert die Qualität von Gesprächen grundlegend, weil es Raum für die Wahrnehmung des anderen lässt.
04 · Frag nach, ob das Gesagte angekommen ist.
Diese eine Frage signalisiert, dass es dir nicht um Zustimmung geht, sondern um echtes Verstehen. Sie verändert die Atmosphäre eines Gesprächs, weil sie zeigt, dass dir die Verbindung genauso wichtig ist wie die eigene Botschaft.
05 · Mach Wertschätzung konkret.
„Danke, dass du die Situation heute so ruhig gehalten hast – das hat dem ganzen Team geholfen.“ Konkrete Wertschätzung zeigt, dass du wirklich hinschaust. Menschen, die gesehen werden, führen besser, arbeiten besser und bleiben länger.
Was bleibt
Führung ohne Klarheit hinterlässt Menschen in einem Raum voller Interpretationen. Das kostet Energie, Vertrauen und auf Dauer die Verbindung, die echte Zusammenarbeit erst möglich macht.
Wertgerechte Führung beginnt mit der Frage, wer du als Führungsperson sein willst – und ob dein Handeln im Alltag mit dieser Antwort übereinstimmt. Permantier bringt das in Haltung entscheidet auf den Punkt: Nicht was wir tun, sondern aus welcher Haltung heraus wir es tun, entscheidet über unsere Wirkung.
Nimm dir einen dieser Impulse – den, der dich beim Lesen am meisten beschäftigt hat. Schreib ihn auf und lass ihn ein paar Tage wirken. Was sich dann zeigt, ist oft der nächste Schritt, den du gehen darfst.
Ich freue mich über den Austausch – denn Führung lebt vom Gespräch. Melde dich gerne unter info@monika-kruse.de oder besuche mich auf www.monika-kruse.de
Monika Kruse – mentoring.auf.kurs