Lea ist Auszubildende in einer Zahnarztpraxis. Sie hilft bei der Vorbereitung der Behandlungsräume, nimmt Anrufe entgegen und begrüßt die Patient:innen. Sie ist im Tagesgeschäft mit dabei, aber bei genauem Hinschauen läuft sie eigentlich nur mit. Ein konkretes Ausbildungskonzept, eine klar geregelte fachliche Begleitung oder regelmäßiges Feedback gibt es für sie in der Ausbildung nicht.
Zahnmedizinische Fachangestellte gehören zu den Berufen mit den größten Fachkräfteengpässen in Deutschland, und der Fachkräftemangel stellt viele Arzt- und Zahnarztpraxen vor große Herausforderungen. Dabei sind die besten Fachkräfte für deine Praxis die, die du heute in genau dieser Praxis selbst ausbildest.
Der Grundstein für eine gute Ausbildung in der Zahnarztpraxis ist die bewusste Entscheidung, Azubis in deiner Praxis ausbilden zu wollen. Erst dann wird aus einem allgemeinen Ausbildungsplan ein konkretes Ausbildungskonzept und aus einem bloßen Mitlaufen im Praxisalltag eine fundierte Betreuung für deine Auszubildenden.
Erst dann wird aus den diversen Aufgaben, die Lea im Praxisalltag hier und da gezeigt werden, eine Entwicklungskurve, in der sie nach und nach immer mehr Verantwortung übernehmen und selbstständig werden kann.
Die Fachkraft, die dir in drei Jahren fehlt, steht heute vielleicht schon neben dir am Stuhl
Der Fachkräftemangel ist nicht nur ein Recruiting-Problem, sondern eine konkrete Entwicklungsaufgabe in deiner Zahnarztpraxis. Dem KOFA-Fachkräftereport März 2026 zufolge gab es bundesweit insgesamt 9.063 offene Stellen für Zahnmedizinische Fachangestellte.
Das Problem: Für 4.240 dieser offenen ZFA-Stellen gab es rechnerisch niemanden, um die Stelle zu besetzen. Gleichzeitig wurden 17.396 neue ZFA-Ausbildungsverträge abgeschlossen (Quelle: Bundeszahnärztekammer, Landes- und Bezirkszahnärztekammern).
Hast du schon einmal darüber nachgedacht, dass die Antwort auf den Fachkräftemangel vielleicht zum Teil darin besteht, deine neue ZFA selbst auszubilden, statt vergeblich zu versuchen, sie auf einem leer gefegten Fachkräftemarkt zu finden?
Viele Zahnarztpraxen sehen Auszubildende als zusätzlichen Aufwand oder eine Aufgabe, die einfach so nebenher laufen kann. Aber eigentlich ist das Ausbilden von Nachwuchskräften eine Investition in die zukünftige personelle Stabilität deiner Praxis.
Schauen wir uns noch einmal das Beispiel von Lea an. Die Praxisinhaberin Miriam sucht seit Monaten vergeblich eine neue ZFA und das ganze Team will endlich jemanden für die offene Stelle finden. Und obwohl Lea bei jedem Teammeeting daneben sitzt, kommt niemand auf die Idee zu fragen, was Lea brauchen würde, um in zwei Jahren genau diese Fachkraft zu sein. Denn einen Ausbildungsplatz anbieten heißt noch lange nicht, erfolgreich auszubilden.
Gute Absichten = gute Ausbildung?
Viele Arzt- und Zahnarztpraxen wollen ihren Azubis eine gute Ausbildung bieten. Aber im stressigen Praxisalltag passiert es dann trotzdem, dass die Ausbildung einfach unkoordiniert nebenher läuft. Alle im Team sind irgendwie für die Auszubildenden zuständig, aber so wirklich verantwortlich ist am Ende niemand.
So geht es auch Lea in ihrer Ausbildung. Eine Kollegin zeigt ihr, wie sie das Behandlungszimmer vorbereitet. Auf Nachfrage bekommt sie es von einer anderen Kollegin nochmal gezeigt, die es aber wieder anders macht. Echtes Feedback, ob und wie sie es richtig macht, bekommt Lea nur dann, wenn irgendetwas schief läuft.
In deiner Praxis ausbilden zu wollen, ist noch keine Ausbildungsstrategie. Bevor deine Auszubildenden in deiner Praxis starten, brauchst du Klarheit, welches Ziel du mit der Ausbildung verfolgst, was die gewünschten Kompetenzen sind, wie die Verantwortlichkeiten im Team verteilt sind und wie du im Praxisalltag Zeit und Raum für Ausbildung schaffen kannst.

Ohne Plan kommt die Ausbildung ganz schnell vom Kurs ab
Nimm dir einen kurzen Moment Zeit und beantworte die folgende Frage für dich:
“Wie soll sich unser Azubi in den kommenden zwölf Monaten entwickeln und wer trägt dafür konkret Verantwortung?”
Konntest du darauf eine Antwort geben? Oder bist du daran hängengeblieben?
Viele Praxen bilden mit den besten Absichten aus. Aber ausbilden zu wollen, ist längst noch keine Strategie. Ohne klares Ziel und ohne konkreten Plan läuft die Ausbildung in deinem Praxisalltag einfach nebenher. Und mit einem “konkreten Plan” meine ich nicht nur den Ausbildungsrahmenplan, den du von der Bundeszahnärztekammer bekommst.
Der Ausbildungsrahmenplan legt fest, was vermittelt werden muss. Wie du die Ausbildung in deiner Praxis gestaltest, entscheidest du selbst. Dazu braucht es ein Ausbildungskonzept, in dem du Aspekte wie Verantwortung, Vermittlung, Rückmeldung und Perspektive definierst.
Im Fall von Lea würde das Ausbildungskonzept beispielsweise regeln, wer die Gesamtverantwortung für sie als Auszubildende trägt, wie die Inhalte, die sie in der Berufsschule lernt, in die Praxis übertragen werden, wann sie Feedback bekommt, wie ihr Lernfortschritt überprüft wird und welche Perspektiven sie nach dem Ende ihrer Ausbildung hat.
Ausbildung beginnt lange vor dem ersten Arbeitstag
Für deine Auszubildenden beginnt die Ausbildung nicht erst mit dem ersten Arbeitstag, und Mitarbeiterbindung beginnt nicht erst kurz vor dem Ende der Ausbildung. Die Azubi-Journey bildet die Gesamtheit aller Berührungspunkte deiner Auszubildenden mit deiner Praxis ab und überspannt alle Stationen in der Entwicklung.

Die Reise deines Azubis startet in dem Moment, in dem er oder sie auf deine Praxis aufmerksam wird und sich nach dem ersten Kennenlernen für deine Praxis als Ausbildungsbetrieb entscheidet. Nach einer Phase des Ankommens erfolgt die eigentliche Entwicklung in den Phasen des Lernens und des Wachsens. Ob deine Auszubildenden bleiben, und das auch über das Ausbildungsende hinaus, hängt davon ab, ob das Ausbildungsversprechen zu dem passt, was junge Menschen im Berufsalltag tatsächlich in deiner Praxis erleben.
Schauen wir noch einmal zu Lea. Beim Bewerbungsgespräch hört sie: “Bei uns bist du nicht einfach nur die Auszubildende. Wir nehmen uns wirklich Zeit für dich.” In ihrer ersten Woche in der Praxis weiß allerdings niemand so wirklich, wer sie einarbeiten soll, welche Aufgaben sie zu Beginn übernehmen soll und wer eigentlich für sie verantwortlich ist.
Genau diese Lücke zwischen Versprechen und Erleben entscheidet darüber, ob deine Praxiskultur glaubwürdig ist und ob Auszubildende bleiben. Passen Erwartung und Realität nicht zusammen, kann das zu einer vorzeitigen Auflösung des Ausbildungsvertrags führen. Zahlen der Bundeszahnärztekammer zeigen, dass 36,7 % der Ausbildungsverträge vorzeitig gelöst werden.
Ausbildung ist Führungsaufgabe
Als Mentorin und Coach mit 17 Jahren Erfahrung in der Praxisleitung kann ich sagen: Fachlich gut zu sein bedeutet noch nicht, gut ausbilden zu können. Ausbilden ist keine Frage der fachlichen Kompetenz. Ausbilden ist Führungsaufgabe.
In der Praxis heißt das für dich, dass du mindestens zwei Rollen sauber voneinander trennen musst. In der Rolle der Praxisinhaberin und Führungskraft definierst du den Ausbildungsrahmen und -ziele, klärst Rollen und Konflikte, formulierst Erwartungen und verantwortest die Ausbildungsqualität.
Die Rolle der Ausbildungsbeauftragten definiert, wer deine Auszubildenden im Alltag begleitet, ihnen Dinge erklärt, die Lernprozesse begleitet, Feedback gibt, Fehler anspricht und Verantwortung dosiert auf die Auszubildenden überträgt. Bei der Entscheidung, wer als Ausbildungsbeauftragte in Frage kommt, geht es nicht nur darum, wer den Auszubildenden etwas zeigen kann, sondern wer sie aktiv im Azubi-Alltag begleiten kann. Genau darauf müssen Fachkräfte vorbereitet werden.
Wie im Beispiel von Lea. Die erfahrenste ZFA im Team, Sabine, arbeitet extrem schnell und fehlerfrei. Deshalb soll sie diejenige sein, die Lea einarbeitet. Da die einzelnen Arbeitsschritte nach 15 Jahren Berufserfahrung absolut selbstverständlich sind, fällt es ihr aber sehr schwer, Lea den genauen Ablauf zu erklären.
Nachdem Lea zum dritten Mal nachfragt, weil sie nicht mitkommt, wird Sabine ungeduldig. Das Problem liegt aber nicht bei Lea, sondern vielmehr in einem schlecht gestalteten Lernprozess und der Lücke zwischen fachlicher Expertise und der Fähigkeit, Auszubildende gut zu begleiten.
Nachwuchskräfte brauchen Sicherheit, Beziehung und Autonomie
In meinen Coachings und Mentorings arbeite ich häufig mit dem triadischen Prinzip von Gabriela von Witzleben. Das triadische Prinzip besagt, dass unser Leben von drei zentralen Bedürfnissen bestimmt wird: Beziehung, Sicherheit und Autonomie. Dieses Prinzip lässt sich beim Thema Ausbildung in der Zahnarztpraxis auf beide Seiten anwenden.
Auf der Seite der Auszubildenden gibt das triadische Prinzip dir eine Antwort auf die Frage: Was braucht ein junger Mensch, um Schritt für Schritt Verantwortung übernehmen zu können? Er braucht:
- Autonomie: Dinge ausprobieren und eigene Erfahrungen machen dürfen, um zunehmend Verantwortung zu übernehmen
- Beziehung: gesehen und ernst genommen werden, regelmäßige Gespräche und Rückmeldung bekommen und Fragen stellen dürfen
- Sicherheit: klare Erwartungen, nachvollziehbare Abläufe und feste Regeln und Ansprechpartner:innen haben
In der Rolle der Führungskraft ist es deine Aufgabe, Autonomie zu ermöglichen, die Beziehung zu den Auszubildenden zu gestalten und ihnen Sicherheit zu geben.
Wenn Lea zum Beispiel zum ersten Mal eigenständig einen Behandlungsraum für eine bestimmte Behandlung vorbereiten soll, bedeutet Sicherheit nicht, dass Sabine jeden Handgriff übernimmt. Sicherheit bedeutet hier, dass sie ihr vorher erklärt, wie das Endergebnis aussehen soll, und danach für Fragen zur Verfügung steht.
Beziehung meint, dass eine Rückfrage von Lea nicht mit Augenrollen quittiert, sondern respektvoll und auf Augenhöhe beantwortet wird. Hinter Autonomie ist die wachsende Selbstständigkeit zu verstehen, dass Lea zunehmend Verantwortung übernehmen und in einem geklärten Rahmen selbst entscheiden und tätig werden kann.
Selbstständigkeit kannst du nicht verlangen, du musst sie entwickeln
“Wir haben es ihr doch gezeigt! Warum macht sie das denn nicht selbstständig?” Diese Frage, die häufig im Ausbildungsalltag in der Zahnarztpraxis fällt, bringt eine Schwierigkeit zum Ausdruck, die viele Praxen vor Herausforderungen stellt: Manche Azubis wirken unselbstständig, weil ihnen nie ein klar definierter Verantwortungsraum übertragen wurde und sie nie die Chance hatten, sich auszuprobieren.
Selbstständigkeit entsteht nicht über Nacht, sondern ist das Resultat einer Entwicklungskurve. Deine Azubis müssen erst verstehen, was zu tun ist, es dann mit Begleitung ausprobieren und Feedback erhalten, bevor sie Schritt für Schritt mehr Verantwortung übernehmen und langfristig im vereinbarten Rahmen eigenständig handeln können.
Verantwortung sollte im Ausbildungskontext weder zu früh komplett übertragen noch dauerhaft zurückgehalten werden. Damit deine Auszubildenden zunehmend Verantwortung übernehmen können, braucht es eine stufenweise Kompetenzentwicklung. Und jede Stufe der Kompetenzentwicklung braucht eine andere Form von Begleitung.
Am Beispiel von Lea bedeutet das konkret: Anfangs bereitet Lea das Zimmer gemeinsam mit Sabine vor. Danach übernimmt sie selbst und Sabine kontrolliert mit ihr. Später besprechen sie nur noch Abweichungen. Schließlich verantwortet Lea die Vorbereitung innerhalb des vereinbarten Rahmens selbst. Die Aufgabe bleibt dieselbe, aber die Führung verändert sich – von klaren Anleitungen hin zu Loslassen und Verantwortung übertragen.
Key Takeaways: Sechs Fragen für deine Ausbildungspraxis
Was bedeutet all das jetzt für die Ausbildung in deiner Praxis? Für einen kurzen Ausbildungs-Check kannst du dir sechs Felder anschauen – egal, ob du deine aktuellen Ausbildungsstrukturen evaluieren oder die Ausbildung in deiner Praxis neu aufbauen willst.
- Ziel: Warum bildest du eigentlich aus?
- Attraktivität: Warum sollte sich ein junger Mensch gerade für deine Praxis entscheiden?
- Struktur: Wie ist die Ausbildung bei dir konkret organisiert?
- Führung: Wie gibst du Orientierung und Sicherheit, gestaltest du Beziehung und wie ermöglichst du gleichzeitig Autonomie?
- Entwicklung: Wie begleitest du die Kompetenzentwicklung und wie überträgst du Schritt für Schritt mehr Verantwortung?
- Perspektive: Welche Perspektive bietest du nach der Ausbildung?
Orientierung gibt Sicherheit. Beziehung schafft Verbundenheit. Autonomie lässt Verantwortung wachsen.
Ich freue mich über den Austausch – denn Führung lebt vom Gespräch. Melde dich gerne unter info@monika-kruse.de oder besuche mich auf www.monika-kruse.de
Monika Kruse – mentoring.auf.kurs